Der Bystander Effekt – Warum Menschen im Notfall nicht eingreifen

Bystander Effekt Zuschauereffekt Hilfe Leisten

Stell dir vor, jemand ist in Not und niemand hilft. Das passiert wesentlich öfter als ich dachte.

Besonders dann, wenn viele andere Menschen dabei sind. In diesem Fall neigen sie dazu Zuzuschauen oder Wegzusehen, statt aktiv einzugreifen.

Laut dem Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik wurde gemäß einer Umfrage jede achte Person schon einmal öffentlich angegriffen, ohne dass ihr jemand anderes zur Hilfe eilte.1https://lexikon.stangl.eu/1200/bystander-effekt

Der Bystander Effekt bezieht sich nicht nur auf Gewaltakte, sondern ebenfalls auf Unfälle und klar erkennbare medizinische Notsituationen.

Zuschauereffekt: Alleine würden 85% aller Menschen helfen. In einer Gruppe nur noch 31%

Wer ohne „Bystander“ Zeuge eines solchen Vorfalls wird, fühlt sich hingegen eher involviert und schreitet schneller zur Tat. 


Der Bystander Effekt ist leider Teil unseres täglichen Lebens. Hast du ihn schon einmal erlebt? Wärst du in der Lage, ihn zu überwinden und einzugreifen, wenn alle anderen sich nicht regen?

Definition: Was ist der Bystander Effekt?

Wenn ein Notfall vor den Augen einer größeren Menschenmenge eintrifft, dann entsteht häufig der sogenannte Bystander Effekt, zu Deutsch Zuschauer-Effekt genannt. Niemand greift ein und hilft der in Not geratenen Person. Das Phänomen erweist sich in der Praxis als dynamisch: Je mehr Zuschauer, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass jemand Hilfe leistet.

Kitty Genovese: Paradebeispiel für den Zuschauer-Effekt

Kitty Genovese, US-amerikanisches Mordopfer

Das Paradebeispiel, das stets genannt wird, um den Bystander Effekt zu beschreiben, spielte sich 1964 ab. Eine junge Frau namens Kitty Genovese wurde in New York auf ihrem Nachhauseweg vergewaltigt und ermordet. Mindestens 38 Nachbarn bemerkten den brutalen Überfall, niemand schritt ein und erst eine halbe Stunde später alarmierte jemand die Polizei.2https://www1.wdr.de/stichtag/stichtag-kitty-genovese-100.html

Im Nachhinein gibt es zwar Zweifel an der offiziellen Darstellung in der New York Times, die Zeitung selbst arbeitete den Fall im Jahr 2016 öffentlich auf. Trotzdem trägt der Bystander Effekt bis heute den zusätzlichen Namen Genovese-Syndrom. 

Kitty Genovese erlag der brutalen Attacke, ihr Mörder wurde später gefasst und verurteilt. Hättest du, nach Feierabend in deiner Wohnung, ihre panischen Schreie gehört und wärst du zu ihr hinausgegangen, um ihr zu helfen? In einer gefährlichen Stadt wie New York?

Die beiden Psychologen John M. Darley (New York University) und Bibb Latané (Columbia University) wurden damals hellhörig und stellten eine wissenschaftliche Untersuchung des Genovese-Falls an.3https://web.archive.org/web/20150513054703/http://psych.princeton.edu/psychology/research/darley/pdfs/Bystander.pdf Sie sahen die Hauptursache für das Nichteingreifen in der „Pluralistischen Arroganz“ und inspirierten zahlreiche andere Wissenschaftler, den Effekt genauer zu erforschen. Mehr erfahren.

Drop-Down-Content: Was ist pluralistische Arroganz?

Der Begriff „Pluralistische Arroganz“ stammt aus der Sozialpsychologie. Diese Arroganz tritt immer dann zutage, wenn eine Mehrheit unausgesprochen eine bestimmte Norm ablehnt, jedoch die Meinung vertritt, dass die Mehrheit mit dieser Norm einverstanden ist. Wenn also in einer Zuschauermenge trotz eines Notfalls, der sich vor aller Augen abspielt, keine Anzeichen von Beunruhigung oder Panik vorhanden sind, dann reagiert der Einzelne nicht, weil alle anderen nicht reagieren. Die pluralistische Arroganz ist außerdem dafür verantwortlich, dass viele Menschen glauben, immer in bester Absicht zu agieren, während sie ihrem Umfeld häufig böse Absichten unterstellen. 

Darley und Latané, © Gehirn&Geist / Martin Burkhardt

Die Untersuchungen von Darley und Latané

Darley und Latané führten ihre Untersuchungen bezüglich des Bystander Effekts 1968 durch. Sie entschieden sich für eine Querschnittsstudie, um die folgende wissenschaftliche Hypothese zu überprüfen: Je mehr Menschen eine Gefahrensituation beobachten, desto weniger wahrscheinlich wird es, dass jemand helfend eingreift. 

  1. Versuchsaufbau: 72 Probanden stellten sich zur Verfügung. Ihnen wurde vermittelt, dass sie sich per Kopfhörer und Mikro im Austausch mit anderen Studienteilnehmern befinden, um sich anonym über ihre persönlichen Probleme auszutauschen. Jeder erhielt zwei Minuten Sprechzeit, ohne dass die anderen dazwischenreden konnten. 
  2. Hinter den Kulissen: In Wirklichkeit war immer eine Person für sich allein und erhielt Sprachnachrichten aus der Konserve aufgespielt. Nur die Psychologen hörten mit. 
  3. Versuchsablauf: Zur Eröffnung erklang die Sprachnachricht des zukünftigen „Opfers“. Dieses berichtete von seinen Epilepsie-Anfällen, die in stressigen Situationen auftreten. Als diese Person zum zweiten Mal an die Reihe kam, erlitt sie vor den Ohren des Probanden einen solchen Anfall. 
  4. Ergebnis: Die Psychologen maßen, wie schnell die Versuchsperson reagierte, um den Experimentleiter zu kontaktieren. Das Ergebnis fiel eindeutig aus: Je mehr andere fiktive Gesprächspartner beigeschaltet waren, desto länger dauerte die Reaktion. Die Hypothese war dadurch bestätigt.

Weitere Beispiele für den Bystander oder Genovese Effekt

Das tägliche Leben hält zahlreiche Beispiele für den Bystander Effekt bereit, dabei muss es nicht immer gleich zu Mord und Vergewaltigung kommen. Auch kleinere Unfälle und Unannehmlichkeiten in der Öffentlichkeit rufen das Phänomen hervor, hier einige Alltagsbeispiele: 

  • Geplatzte Tüte: Vor einem Einkaufszentrum platzt einer Person die Einkaufstüte, sämtliche Lebensmittel fallen heraus. Die große Menge der Einkaufenden geht achtlos vorbei, einige Menschen treten sogar auf die am Boden liegenden Einkäufe.
  • Reglose Person: Ein Mensch liegt leblos an einem öffentlichen Platz, vielleicht unter einer Treppe oder in einem Hauseingang. Im Laufe des Tages gehen Tausende vorüber, niemand kümmert sich um die bewusstlose Person. 
  • Hilfsbedürftiger Senior: Auf einem Bürgersteig steht an eine Laterne gelehnt, ein alter Mann, der nach Atem ringt. Hunderte Autos fahren vorbei, keines hält an. 
  • Sexuelle Belästigung: In einer U-Bahn belästigt ein Mann eine junge Frau. Sie gibt klar zu verstehen, dass sie nicht von ihm angefasst werden möchte, doch er greift weiter zu. Die anderen Fahrgäste schauen auf ihre Handys.
  • Kindesmisshandlung: Eine Mutter rastet in einem Freizeitpark aus und schlägt ihr kleines Kind. Viele Menschen gehen vorüber und blicken an dieser Szene vorbei. 
  • Mobbing durch Kinder: Eine Schar Teenager hänselt einen übergewichtigen Jungen vor einer Eisdiele. Der Junge läuft weinend davon, niemand der vielen Erwachsenen greift ein.

Autounfall: Warum viele einfach weiter fahren | Quarks

Unterlassene Hilfeleistung als Straftatbestand

Der Gesetzgeber nimmt einige Fälle des Bystander Effekts so ernst, dass er sie zum Straftatbestand erhebt. Der Paragraph § 323c des deutschen Strafgesetzbuchs dreht sich um die sogenannte „Unterlassene Hilfeleistung“ und stellt sie in Zusammenhang mit der „Behinderung von hilfeleistenden Personen“. Hier der Gesetzestext im Wortlaut, er befindet sich im Absatz zu den gemeingefährlichen Straftaten

§ 323c des Strafgesetzbuchs(1) Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten, insbesondere ohne erhebliche eigene Gefahr und ohne Verletzung anderer wichtiger Pflichten möglich ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.(2) Ebenso wird bestraft, wer in diesen Situationen eine Person behindert, die einem Dritten Hilfe leistet oder leisten will.4https://dejure.org/gesetze/StGB/323c.html 

Von der Hilfeleistung in Notsituationen ist also nur entbunden, wer eine erhebliche Gefahr für sich selbst befürchten muss. Ansonsten muss bei einem schweren Unfall oder einem kriminellen Übergriff jeder eingreifen, der zufällig Zeuge wird. Welch schreckliche Blüten der Bystander Effekt treiben kann, zeigt eine Studie aus dem Jahr 2012 von Zwikker und Hoefnagels, die das Nicht-Einschreiten bei Kindesmissbrauch zum Thema hat.5https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1111/j.1559-1816.2001.tb02668.x

Unterlassene Hilfeleistung - Der Bystander-Effekt |Sozialpsychologie mit Prof. Erb

Der Bystander Effekt als Gefahr fürs eigene Leben

Die beiden genannten Psychologen führten 1970 eine zweite Studie zum Bystander Effekt durch, die 58 Probanden mit einbezog und eine potenziell lebensgefährliche Situation simulierte. Jeweils ein Studienteilnehmer musste in einem Wartezimmer einen Fragebogen zu den Problemen des Großstadtlebens ausfüllen. Entweder war diese Person dabei allein oder zusammen mit zwei eingeweihten Helfern der Psychologen, die so taten, als seien sie weitere Probanden. Weißer Rauch wurde durch den Lüftungsschacht ins Zimmer geleitet, und falls Helfer anwesend waren, reagierten sie nicht auf das „Feuer“. Die Studienteilnehmer schlugen deutlich schneller Alarm, wenn sie auf sich gestellt waren, ohne ihre „ignoranten“ Beisitzer. 

Sogar dann, wenn das eigene Leben potenziell auf dem Spiel steht, verhindert oder verzögert der Bystander Effekt eine sinnvolle Aktion.

Worin liegen die Ursachen für den Bystander Effekt? 

Neben der pluralistischen Arroganz nannten Darley und Latané die Verantwortungsdiffusion als mögliche Ursache des Bystander Effekts.

Die „Diffusion of Responsibility“ wurde in jüngerer Zeit durch mehrere Studien belegt, unter anderem von Mynatt und Sherman.6https://psycnet.apa.org/record/1976-07154-001 Das Gefühl der Verantwortlichkeit nimmt mit der Zahl der Zuschauenden ab, es diffundiert sozusagen in feinsten Teilchen und belastet so niemanden genug, um einzuschreiten. 

Ein weiterer Grund, warum Menschen nicht reagieren, liegt im Bedürfnis, sich gesellschaftlich korrekt zu verhalten. Indem wir andere beobachten, ziehen wir Schlüsse, wie wir uns verhalten sollten. Bleiben alle still, mache ich es ihnen gleich, weil es anders vielleicht nicht angemessen wäre. 

Besonders dann, wenn die Situation zweideutig erscheint, halten Menschen sich lieber zurück: Im Fall von Kitty Genovese gaben einige Ohrenzeugen an, dass sie den Vorfall für den Streit eines Pärchens hielten, in den sie sich nicht einmischen wollten. Dass die Frau gerade ermordet wurde, war ihnen laut eigener Aussage nicht bewusst.  


Hier die Ursachen für den Bystander Effekt im kurzen Überblick: 

  • Pluralistische Ignoranz
  • Verantwortungsdiffusion
  • Bedürfnis nach sozialem Wohlverhalten
  • Zweideutigkeit einer Situation

Aktiv werden: Wie lässt sich das Bystander Effekt überwinden? 


Um den Zuschauer-Effekt zu überwinden, musst du dir zuerst des Phänomens bewusst werden. Den ersten Schritt dahin hast du bereits getan, indem du meine Ausführungen dazu gelesen hast.

Wenn du nun in eine Situation gerätst, die du in diesen Bereich einordnest, dann löse dich von der Reaktion der anderen, schau genau hin, ob jemand Hilfe braucht und schreite ein. Dich selbst in Gefahr bringen musst du dich dabei nicht.

Manchmal genügt es schon, zügig die Polizei oder den Rettungswagen zu rufen. 

Falls du die Situation nicht allein bewältigen kannst, stelle Augenkontakt zu einem anderen Zuschauer her und sprich ihn direkt an. Indem du einen Menschen herauspickst und ihn personalisiert, löst du ihn aus der Gruppe und es wird für ihn sehr schwierig, die Mithilfe abzulehnen. 

Schau in einem eventuellen Notfall lieber auf die Situation selbst, statt auf die Umstehenden. So kannst du deutlich besser beurteilen, was los ist und ob du eingreifen musst.


Der Handelnde nimmt sein Schicksal selbst in die Hand, dem Passiven entgleitet es.

Carl Peter Fröhling

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